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Verlage und Druckereien leiden unter Papiermangel

Weltweit erholt sich die Wirtschaft, nur die Papierhersteller hinken hinterher. Vor allem graphisches Papier ist schwer zu bekommen, denn Altpapier fehlt.

Düsseldorf. Der Preis steigt, die Anspannung am Markt auch. Es fehlt: Papier. Gerade der Markt für grafisches Papier, aus dem Zeitungen, Plakate und Aufkleber bestehen, ist betroffen. Lieferungen bleiben aus.

Von einem Preisanstieg von über 70 Prozent seit Jahresbeginn berichtet Fastmarkets Foex, ein Unternehmen, das Indizes für den Papiermarkt erstellt. Im August kostete eine Tonne Altpapier schließlich knapp 170 Euro. Der Rohstoff macht heute knapp 80 Prozent der Papierproduktion aus. Entsprechend groß ist der Effekt.

Das Problem trifft Druckereien und Verlage besonders hart, und es ist schwer zu beheben. Denn gleich zwei Entwicklungen spitzen die Lage zu: einerseits der Rohstoffmangel, andererseits die knapp gewordenen Produktionskapazitäten. Viele Hersteller haben in den vergangenen Jahren Werke geschlossen oder umgerüstet.

Wie sich der Markt verändert hat, zeigt der Fall der Papierfabrik von Stora Enso in Sachsen. Sie wurde jüngst von der Schweizer Model-Gruppe übernommen. Statt grafischen Papiers wird dort nun Wellpappe produziert, die als Transportpackung eingesetzt wird. Die Nachfrage nach solchen Verpackungen und Paketpappe ist durch den Boom des Onlinehandels enorm gestiegen. Grafisches Papier wurde dagegen zuletzt immer weniger genutzt. 2020 fiel die Produktion auf sechs Millionen Tonnen, vor zwölf Jahren wurde noch doppelt so viel produziert. Leicht umrüstbare Papierfabriken sind deshalb gefragt, die Zahl der Übernahmen steigt europaweit.

Der Rohstoff Altpapier lässt sich nicht einfach produzieren

Je nach Papiersorte mangelt es auch unterschiedlich stark an Materialressourcen. Zeitungspapier etwa wird komplett aus Altpapier hergestellt – und das ist knapp: In der Coronakrise sparten sich viele Unternehmen ihre Zeitungsanzeigen, die Ausgaben fielen dadurch dünner aus. Und: „Entsprechend weniger Altpapier fiel an“, sagt Gregor Andreas Geiger, Sprecher des Verbands Papierindustrie. Unterm Strich fiel der Umsatz der Papierbranche in der Pandemie von 14,3 Milliarden Euro auf 12,7 Milliarden Euro.
Jetzt, wo wieder Anzeigen geschaltet werden und Zeitungen in vollem Umfang erscheinen, zeigen sich Nachwirkungen. Für die Hersteller sei der Umschwung eine enorme Herausforderung, sagt Geiger.

Ähnliches berichtet auch Marktführer UPM. Winfried Schaur, Vorstandsmitglied des finnischen Papierherstellers, sorgt sich um die Wertschöpfungsketten nach der Corona-Pandemie. Altpapier sei eben kein normaler Rohstoff, der produziert werde, sondern einer, der „anfällt“. „Das System, die Lieferketten und die Kreisläufe kamen durch Covid-19 außer Tritt.“

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger spricht von einer drohenden Papier-Unterversorgung. Bereits jetzt würden nicht alle Verlage ihre bestellten Papiermengen erhalten. Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, achtet besonders auf die Preisentwicklung am Markt: „Die Papierbranche muss sich jetzt als Partner erweisen, der die Preisschraube nicht überdreht – das wäre fatal“, sagt er.

Auch Knappheit der Schiffscontainer trifft die Branche

Neben Altpapier fehlt Herstellern eine weitere wichtige Ressource: Zellstoff, der außerhalb Europas produziert wird. Aufgrund des stockenden Seehandels fehlt der Rohstoff. Zudem müssen Papierhersteller immer mehr für die Schiffscontainer zahlen, denn auch hier herrscht ein preistreibender Mangel. Die Kosten für Container betrugen im Juni dieses Jahres knapp 6800 Dollar pro Stück. Das ist eine Vervierfachung im Vorjahresvergleich.

Stefan Klinksiek leitet die Spezialdruckerei Kolbe-Coloco und ist vom europaweiten Papiermangel besonders betroffen: „Die Papierhersteller ziehen die Preise an, uns bleibt da nur übrig, die Preise an die Kunden weiterzugeben“, sagt er.
Konkret sind das Unternehmen, die Aufkleber und Etiketten brauchen: Lebensmittelhersteller, Restaurants und Supermärkte. Die Kosten für die Herstellung von Glasetiketten sind beispielsweise um knapp 20 Prozent gestiegen: „Auch unsere Kunden geben die Preiserhöhung weiter, am Ende haben die Verbraucher das Nachsehen.“
Noch kann die Druckerei ihre Produkte fristgerecht liefern, Klinksiek hat die Rohstoffläger aufgestockt. Dabei fällt dem Unternehmer auf, dass die Qualität des Papiers während der Pandemie teilweise nachgelassen hat: „Wir merken, dass Produzenten mit allen Mitteln versuchen, Papier herzustellen.“

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/materialknappheit-verlage-und-druckereien-leiden-unter-papiermangel/27580396.html?ticket=ST-9381155-v9Gcrimi5pdDgmd2jxwV-ap3

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